Qualität neu definiert

GBOE-Beratungsstandards wurden neu gefasst

Nach 13 Jahren wurden die GBOE-Beratungsstandards evaluiert und fachlich überarbeitet. Eine kleine Arbeitsgruppe entwickelte sie weiter und stellte einen Entwurf in offenem Format zur Diskussion. Rückmeldungen der Mitglieder und Interessierten führten zu Verbesserungen und Konsens. Anfang März setzte die Delegiertenversammlung die neuen Standards in Kraft.

Bislang entsprachen die Standards durchaus dem Stand professioneller Beratung. Neuere Entwicklungen waren darin jedoch noch nicht berücksichtigt.

Was ist nun neu beschrieben oder gar verändert?

Der Beratungsansatz

Der Beratungsansatz hat sich von der klassischen Organisationsentwicklung zur systemischen Organisationsberatung weiterentwickelt. Stand zuvor das kollektive Lernen der Mitarbeitenden und deren Beteiligung an den Veränderungsprozessen im Mittelpunkt, rückt heute die gesamte Organisation als lernendes System stärker in den Fokus. Im Hintergrund vollzog sich damit eine nicht unerhebliche Achsenverschiebung des Beratungsansatzes. Wenn zuvor die Humanisierung der Arbeit ein wichtiger Antrieb der Beratung war, ist heute die Stellung des Menschen in der Arbeitsorganisation anders gefasst. Beratung arbeitet zwar mit den Schlüsselpersonen der Organisation, und doch sind diese eher in ihren Funktionsrollen im Blick.

Heute ist die von den Gemeindeberatungen vertretene „systemische Organisationsberatung“ eine spezifische, systemtheoretisch fundierte Beratung. Durch zirkuläre Interventionen regt sie die beratende Organisation zur Selbstorganisation an und nutzt somit deren Selbstentwicklungspotenzial, um deren Lebens- und Entwicklungsfähigkeit zu stärken.

Beratungshaltung

Die bislang beschriebene Beratungshaltung entsprach auch hier den professionellen Gepflogenheiten, verfügte jedoch nicht über eine systemtheoretische Profilierung. Daher wurden die Beziehungen von System und Umwelt neu durchdacht und in die Haltung integriert. Diese ist nun geprägt von Achtung vor Autonomie und Eigendynamik des Systems, von Neugier und von Vertrauen in deren Selbstorganisation.

Den Beratenden ist darum der Zugang zur „Hinterbühne“ verwehrt; das innere Betriebssystem bleibt für die Beratung eine „Black Box“. Das innere Funktionieren der Organisation erschließt sich erst vor allem über offene Fragen im gemeinsamen Dialog und durch die Reflexion der Entscheidungsmuster. Nur so kann ein neues Verstehen erzeugt werden, das für das weitere Prozedere im Beratungsprozess genutzt werden kann.

Die Beratungshaltung wurde im Weiteren ergänzt durch das Verhalten im Sinne der Neutralität und Allparteilichkeit.

Kirchenbild und geistliche Dimension von Beratung

Erstmals wurde als Teil der Feldkenntnis ein protestantisches Kirchenbild eingezeichnet, das den reformatorischen Kern festhält und dennoch offen ist für die unterschiedlichen konfessionellen Ausprägungen.

Auf dem Feld bisheriger Kontroversen konnten nun Leitlinien für den Umgang mit der geistlichen Dimension in der Beratung gefunden werden. So heißt es nun unter anderem: „Die systemischen Gemeindeberater*innen reflektieren ihr Verhältnis zur geistlichen Dimension und achten diese in den zu beratenden kirchlichen Systemen. GBOE versteht die geistliche Dimension von Kirche als Ressource, um zusammen mit den Klienten ihr Potenzial und ihren Auftrag zu heben. GBOE achtet in einer allparteilichen Weite auf unterschiedliche Glaubensformen und -Prägungen in der zu beratenden Organisation und versucht, sie in einen Dialog zu bringen und für eine gemeinsame Entwicklung fruchtbar zu machen.“

Weiterbildung

Die Rahmenbedingungen der berufsbegleitenden Weiterbildung in Gemeindeberatung und Organisationsentwicklung wurden im Sinne einer Ermöglichungsdidaktik weiterentwickelt und kompetenzorientiert ausgerichtet. Ein Fächer von grundlegenden Beratungskompetenzen wurde auf den Ebenen von Wissen, Können und Haltung beschrieben. „Die Teilnahme an der Weiterbildung in systemischer Organisationsberatung führt [deshalb] zu einem individuell verantworteten Selbstlernen durch die Teilnehmenden, indem sie einer spontanen Lebensbewegung situativ im Hier und Jetzt folgen. Es ist ein Selbstlernen, das nicht nur neue Erkenntnisse erzeugt, sondern auch eine Selbstreflexion miteinschließt.“

Ausbildungszeiten wurden ferner in Unterrichtseinheiten mit anderen Beratungsverbänden vergleichbar gemacht.

Das GBOE-Zertifikat erfuhr eine Anerkennung durch die Deutsche Gesellschaft für Beratung e.V. (DGfB). Diese Anerkennung hat erhebliche Bedeutung, da die DGfB als Dachverband 24 Beratungsfachverbände vereint und über 40.000 professionelle Berater*innen nach außen repräsentiert.

Ernst-Eduard Lambeck,

Systemischer Organisationsberater – Supervisor – Coach