Patrick Todjeras, Michael Herbst, Bernd Schröder (Hrsg.) (2026): Regiolokal. Als Kirche aufblühen und zusammenwachsen, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 29,00 €

Es ist  offensichtlich, dass Kirche im Umbruch ist. Kirche häutet sich und sucht nach einer neuen Gestalt. Sie will nicht nur zeitgemäß sein. Sie will ihren Auftrag erfüllen unter den neuen Bedingungen. Dazu gehört leider auch der massive Einbruch ihrer Ressourcen.

Der neue Band zur regiolokalen Kirche verbindet theologische Reflexionen mit soziologischen Untersuchungen und führt praktische Erfahrungen mit Perspektiven für die zukünftige Gestalt von Kirche zusammen. Er knüpft an die damals ersten Veröffentlichung von 2017 an und führt die Idee regiolokalen Kirchenentwicklung weiter. Das Buch ist dreigeteilt. Zunächst werden die Grundlagen freigelegt, dann die innere Haltung behandelt und später mit Erfahrungsberichtungen ergänzt.

Als Antwort auf die Gefahr, sich in alte gewohnte Muster zu verstricken, wird das langsame Denken nach Daniel Kahneman empfohlen, um gewohnte Vorannahmen zu hinterfragen und ihnen auf die Schliche zu kommen. Jenes, was Systemiker*innen vertraut ist, wird über das Denkmodell Kahnmans erschlossen, gewohnte Heuristiken zu hinterfragen, Ambivalenzen auszuhalten und zu gestalten und keine kohärenten Systeme zu erzwingen.

Als Entscheidungsmodell wird der „Konsent“ empfohlen, der eine Lösung nach Argumentenlage aushandelt und weiter verbessert, bis keine schwerwiegenden Einwände mehr dagegensprechen. Gemeindeberater*innen verorten gedanklich das Konsentmodell in der Tradition der Soziokratie.

Wie das Vorgängerbüchlein „Vertrauen und Verantworten“ von 2023 warnt auch dieser Band vor der Strukturfalle, Strukturen vor Inhalte und Haltung zu setzen. Sogenannte soft skills sind schwerer zu entwickeln als hart facts. Hilfreich wie inspirierend ist der Verweis auf das „Flourishing“ der Kirche, um Kirche zum Ort des „guten Lebens“ zu machen. Der Ort ist hier weiter gefasst als das Zusammenspiel von Orten und Regionen. Die Leitfrage lautet: „Unter welchen Bedingungen blüht Kirche hier auf?“ Hier werden Erkenntnisse von Tyler VanderWeele, Harvard, fruchtbar gemacht und aufgefächert in die Dimensionen des Einzelnen, der Gemeinschaft und die Wirkung auf den Sozialraum und später mit den Dimensionen der vitalen Gemeinde in Verbindung gebracht. Kirche als Netzwerk aufzuspannen über Orte in die Region hinein, bedeutet nicht mehr allein auf die Strukturen zu schauen, sondern auf Grundbedingungen, damit Kirche Vitalität gewinnt und ihren Auftrag lebt.

An dieser Stelle lässt der Band seine lutherische Provenienz erkennbar werden. Die lutherische Zweiteilung der Kirchenbeschreibung in „Konstitutiva“ und „Adiaphora“ wird hier aufgeweitet in eine neue Dreiteilung. Als erstes werden die sog. notae ecclesia (CA 7) als „Konstitutiva“ der Kirche genannt, dann folgen im Rang die Dimension der „Vitalia“, die also die Zeichen ihrer Lebendigkeit sind, und erst dann kommt das Unbedeutende zur Sprache, die sog. Adiaphora, die die Fragen der Ordnung und Organisation betreffen.

Für aktive Gemeindeberater*innen wird hier eine mentale Landkarte angeboten, die hilfreich ist, Beratungsprozesse in  Kirchenentwicklungen zu steuern. Aus meiner Sicht sind die drei Dimensionen immer wieder zu verknüpfen, so dass Strukturen der inneren Haltungen und dem Auftrag der Kirche dienen können. Die Frage der Ordnungen und Organisation ist sowohl theologisch als auch organisational nicht unbedeutend, weil sie ein Bedingungsfeld darstellen, das zirkulär auf die Inhalte und Haltungen zurückwirkt.

Im Bereich der Haltungen wird für eine gemeinsame geistliche Orientierung geworben, für ein Ausbalancieren der lokalen und regionalen Logiken und für eine Kultur des Miteinanders.

Zentral ist der Aufbau von gegenseitigem Vertrauen und dem Anderen Gutes zu gönnen sowie die Bereitschaft zur Solidarität und des Teilens. Für die Hauptamtlichen gilt es, eine neue Rolle einzunehmen. Nicht die Versorgung ist mehr das Leitmotiv, sondern die Beteiligung und das Empowerment der Ehrenamtlichen.

Im letzten Kapitel schließen sich Erfahrungsberichte an, die unterschiedliche Themenbereiche ausleuchten, von Gelungenem und weniger Gelungenem berichten.

Das Buch ist Gemeindeberater*innen außerordentlich zu empfehlen, weniger im Sinne der Methodik, sondern eher im Sinne einer mentalen Landkarte.

Ernst-Eduard Lambeck