Antirassismus ist keine Defizitagenda, sondern Kirche der Zukunft

Sarah Vecera zu Rassismuskritik als langfristige und systemrelevante Querschnittsaufgabe

Sarah Vecera ist Referentin für Antirassismus und Intersektionalität bei der Vereinten Evangelischen Mission (VEM). Auf der Landessynode im November 2025 nahm sie die Synodalen der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW) in einem Vortrag mit auf den Weg zu einer rassismussensiblen Kirche. Im Januar 2026 fanden zwei Nachbereitungstreffen mit Synodalen statt. Es ging darum, das Thema Rassismus zu vertiefen und gemeinsam über konkrete Handlungsmöglichkeiten nachzudenken. Ailed E. Villalba Aquino und Dirk Johnen haben mit der Theologin Sarah Vecera über ihre Erfahrungen aus diesen Trainings gesprochen und sie nach Herausforderungen, nächsten Schritten und Potenzial gefragt.

Gab es Momente, in denen Sie dachten: „Genau hier setzt Veränderung an“?

Sarah Vecera: Ja. Die Synode hatte eine selten gute Mischung aus Ernsthaftigkeit, Empathie und echter Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Dass wir Scham und Schuld bewusst „aus dem Raum entlassen“ haben, hat sofort eine andere Atmosphäre möglich gemacht – man merkte: Jetzt geht es um Handeln, nicht um Rechtfertigung. Dass Rassismuskritik als langfristige, systemrelevante Querschnittsaufgabe verstanden wird, empfinde ich als großen Schritt. Die Nachbereitungstreffen waren ebenfalls vertiefend und wertschätzend und sind ein gutes Zeichen für nachhaltige echte Veränderung.

Wo sehen Sie das größte Potenzial, aber auch die größten Herausforderungen bei dieser langfristigen, systemrelevanten Querschnittsaufgabe, die die EKvW beschlossen hat?

Vecera: Das Potenzial liegt darin, dass der Beschluss die Aufgabe breit und verbindlich denkt: theologische Weiterarbeit (inklusive Stimmen von Theolog*innen of Color), Personal- und Organisationsentwicklung mit Schulungen, Bildung (interkulturell, postkolonial, rassismuskritisch), Seelsorge/Empowerment und Safer Spaces für negativ von Rassismus Betroffene, öffentliche Positionierung mit verbindlichen Leitlinien – und sofort ein Gremium, das die Umsetzung sichert, bis die Antirassismus-Beauftragung besetzt ist.

Die Herausforderungen sind: Macht wird oft nicht intersektional genug gelesen; es bleibt zu häufig bei Erklärformaten für weiße Kontexte, während Empowerment für BIPoC (inkl. Safer Spaces, Supervision, Seelsorge) noch zu selten priorisiert und finanziert wird – obwohl es der Beschluss ausdrücklich vorsieht. Antirassismus-Arbeit koster außerdem Zeit und Geld.

Meine Erfahrung ist: Wenn wir den Beschluss mit anderen Schutz- und Macht-Themen zusammendenken (Aufarbeitung, Seelsorge, Personalentwicklung), lässt er sich in bestehende Linien integrieren – mit klaren Zuständigkeiten, festen Meilensteinen und regelmäßiger Rechenschaft. Genau dort entscheidet sich, ob „Querschnitt“ gelebte Praxis wird oder symbolhaft bleibt.

Wenn Sie an die EKvW und ihre Gemeinden denken: Was wünschen Sie uns als Kirche für die kommenden Jahre – sowohl im Umgang mit Rassismus und Diskriminierung als auch mit Blick auf die Vielfalt, die unsere Kirche bereichern kann?

Vecera: Ich wünsche Ihnen, dass Sie die gute Energie halten: freundlich im Ton, unmissverständlich in der Sache. Konkret sehe ich drei nächste Schritte:
1. Struktur jetzt ziehen: Das im Beschluss geforderte Gremium sofort arbeitsfähig machen und die Antirassismus-Beauftragung zügig besetzen – mit Mandat, Zeit und Budget, damit nichts an Einzelpersonen hängt.
2. Flächendeckende Antirassismustrainings auf allen Ebenen ermöglichen und eigenständige Empowerment-/Safer-Space-Formate für negativ von Rassismus Betroffene.
3. Öffentlich sichtbar werden: die angekündigten Leitlinien für rassismussensible Kommunikation umsetzen, die Beteiligung an den Internationalen Wochen gegen Rassismus aktiv nutzen. Und Ergebnisse transparent machen, damit Vertrauen wächst.

Mein persönlicher Wunsch: Bewahren Sie sich die Freude an diesem Weg. Antirassismus ist keine Defizitagenda, sondern Kirche der Zukunft. Wo Menschen erfahren „hier werde ich gesehen, geschützt, gebraucht“, da gewinnt Kirche Profil in einer superdiversen Gesellschaft, in der leider Hass und Hetze immer lauter werden. Aber genau da liegt unsere Verantwortung und wenn wir diese mit Freude tragen, wird das automatisch einladend wirken.

Weiterführende Hinweise und Materialien:

  • Der genannte Synodenbeschluss im Wortlaut: EKvW-Beschluss auf dem Weg zu einer rassismussensiblen Kirche (Nov., 2025)
  • Grundlage des Synodenbeschlusses vom November 2025 sind der Fachgruppenbericht „Rassismus und weiße Privilegien“, der im Prozess „Kirche in Vielfalt – Interkulturelle Entwicklung“ erarbeitet wurde sowie der „Wegweiser Rassismus und Kirche“. Beides ist auf der Website des oikos-Instituts zu finden unter: https://www.oikos-institut.de/angebot/diversitaet-und-antirassismus/
  • Aktuelle Veranstaltungen zum Thema Antirassismus, Diskriminierung und Kirche der Vereinten Evangelischen Mission (VEM) finden Sie im Blog „Rassismus und Kirche“ unter Veranstaltungshinweis.
  • Darüber hinaus bietet zum Beispiel die Evangelische Erwachsenen- und Familienbildung Westfalen und Lippe e. V. regelmäßig Veranstaltungen zu diesen Themen an. Eine entsprechende Vorauswahl finden Sie hier.

 

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Antirassismus ist keine Defizitagenda, sondern Kirche der Zukunft

Sarah Vecera zu Rassismuskritik als langfristige und systemrelevante Querschnittsaufgabe

Sarah Vecera ist Referentin für Antirassismus und Intersektionalität bei der Vereinten Evangelischen Mission (VEM). Auf der Landessynode im November 2025 nahm sie die Synodalen der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW) in einem Vortrag mit auf den Weg zu einer rassismussensiblen Kirche. Im Januar 2026 fanden zwei Nachbereitungstreffen mit Synodalen statt. Es ging darum, das Thema Rassismus zu vertiefen und gemeinsam über konkrete Handlungsmöglichkeiten nachzudenken. Ailed E. Villalba Aquino und Dirk Johnen haben mit der Theologin Sarah Vecera über ihre Erfahrungen aus diesen Trainings gesprochen und sie nach Herausforderungen, nächsten Schritten und Potenzial gefragt.

Gab es Momente, in denen Sie dachten: „Genau hier setzt Veränderung an“?

Sarah Vecera: Ja. Die Synode hatte eine selten gute Mischung aus Ernsthaftigkeit, Empathie und echter Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Dass wir Scham und Schuld bewusst „aus dem Raum entlassen“ haben, hat sofort eine andere Atmosphäre möglich gemacht – man merkte: Jetzt geht es um Handeln, nicht um Rechtfertigung. Dass Rassismuskritik als langfristige, systemrelevante Querschnittsaufgabe verstanden wird, empfinde ich als großen Schritt. Die Nachbereitungstreffen waren ebenfalls vertiefend und wertschätzend und sind ein gutes Zeichen für nachhaltige echte Veränderung.

Wo sehen Sie das größte Potenzial, aber auch die größten Herausforderungen bei dieser langfristigen, systemrelevanten Querschnittsaufgabe, die die EKvW beschlossen hat?

Vecera: Das Potenzial liegt darin, dass der Beschluss die Aufgabe breit und verbindlich denkt: theologische Weiterarbeit (inklusive Stimmen von Theolog*innen of Color), Personal- und Organisationsentwicklung mit Schulungen, Bildung (interkulturell, postkolonial, rassismuskritisch), Seelsorge/Empowerment und Safer Spaces für negativ von Rassismus Betroffene, öffentliche Positionierung mit verbindlichen Leitlinien – und sofort ein Gremium, das die Umsetzung sichert, bis die Antirassismus-Beauftragung besetzt ist.

Die Herausforderungen sind: Macht wird oft nicht intersektional genug gelesen; es bleibt zu häufig bei Erklärformaten für weiße Kontexte, während Empowerment für BIPoC (inkl. Safer Spaces, Supervision, Seelsorge) noch zu selten priorisiert und finanziert wird – obwohl es der Beschluss ausdrücklich vorsieht. Antirassismus-Arbeit koster außerdem Zeit und Geld.

Meine Erfahrung ist: Wenn wir den Beschluss mit anderen Schutz- und Macht-Themen zusammendenken (Aufarbeitung, Seelsorge, Personalentwicklung), lässt er sich in bestehende Linien integrieren – mit klaren Zuständigkeiten, festen Meilensteinen und regelmäßiger Rechenschaft. Genau dort entscheidet sich, ob „Querschnitt“ gelebte Praxis wird oder symbolhaft bleibt.

Wenn Sie an die EKvW und ihre Gemeinden denken: Was wünschen Sie uns als Kirche für die kommenden Jahre – sowohl im Umgang mit Rassismus und Diskriminierung als auch mit Blick auf die Vielfalt, die unsere Kirche bereichern kann?

Vecera: Ich wünsche Ihnen, dass Sie die gute Energie halten: freundlich im Ton, unmissverständlich in der Sache. Konkret sehe ich drei nächste Schritte:
1. Struktur jetzt ziehen: Das im Beschluss geforderte Gremium sofort arbeitsfähig machen und die Antirassismus-Beauftragung zügig besetzen – mit Mandat, Zeit und Budget, damit nichts an Einzelpersonen hängt.
2. Flächendeckende Antirassismustrainings auf allen Ebenen ermöglichen und eigenständige Empowerment-/Safer-Space-Formate für negativ von Rassismus Betroffene.
3. Öffentlich sichtbar werden: die angekündigten Leitlinien für rassismussensible Kommunikation umsetzen, die Beteiligung an den Internationalen Wochen gegen Rassismus aktiv nutzen. Und Ergebnisse transparent machen, damit Vertrauen wächst.

Mein persönlicher Wunsch: Bewahren Sie sich die Freude an diesem Weg. Antirassismus ist keine Defizitagenda, sondern Kirche der Zukunft. Wo Menschen erfahren „hier werde ich gesehen, geschützt, gebraucht“, da gewinnt Kirche Profil in einer superdiversen Gesellschaft, in der leider Hass und Hetze immer lauter werden. Aber genau da liegt unsere Verantwortung und wenn wir diese mit Freude tragen, wird das automatisch einladend wirken.

Weiterführende Hinweise und Materialien:

  • Der genannte Synodenbeschluss im Wortlaut: EKvW-Beschluss auf dem Weg zu einer rassismussensiblen Kirche (Nov., 2025)
  • Grundlage des Synodenbeschlusses vom November 2025 sind der Fachgruppenbericht „Rassismus und weiße Privilegien“, der im Prozess „Kirche in Vielfalt – Interkulturelle Entwicklung“ erarbeitet wurde sowie der „Wegweiser Rassismus und Kirche“. Beides ist auf der Website des oikos-Instituts zu finden unter: https://www.oikos-institut.de/angebot/diversitaet-und-antirassismus/
  • Aktuelle Veranstaltungen zum Thema Antirassismus, Diskriminierung und Kirche der Vereinten Evangelischen Mission (VEM) finden Sie im Blog „Rassismus und Kirche“ unter Veranstaltungshinweis.
  • Darüber hinaus bietet zum Beispiel die Evangelische Erwachsenen- und Familienbildung Westfalen und Lippe e. V. regelmäßig Veranstaltungen zu diesen Themen an. Eine entsprechende Vorauswahl finden Sie hier.

 

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